1700 Jahre jüdisches Leben in Gegenwart und Zukunft

Ein Erfahrungsbericht aus dem Märkischen Kreis

Was bedeutet uns die Begegnung mit jüdischen Menschen und mit Israel?

Viele ältere und auch jüngere Menschen haben heute keinen Bezug mehr zum jüdischen Leben in Deutschland, geschweige denn, dass sie jüdische Menschen persönlich kennen oder einen Bezug zum Land Israel haben. Dies änderte sich für mich und eine kleine Gruppe von Christen aus verschiedenen Gemeinden hier im Märkischen Kreis in einer für uns überraschenden Art und Weise. 

Im Oktober 2014 fand in Hagen ein sog. “Marsch des Lebens“* mit 20 Überlebenden des Holocaust aus Israel statt.  Diese Initiative entstand aus dem Gedanken heraus, dass bis heute eine Decke des Schweigens über vielen persönlichen Familiengeschichten unserer Väter und Großväter im 2.Weltkrieg liegt. Auf Routen ehemaliger Todesmärsche, die Ende des Krieges stattfanden, wurden Märsche des Lebens und der Versöhnung mit überlebenden Zeitzeugen zusammen initiiert. Eine nationale, geschichtliche Aufarbeitung und Erinnerungskultur in unserem Land, auch in Schulen, kennen wir zur Genüge. Doch der Aspekt, die persönliche Familiengeschichte dahingehend zu erforschen, bleibt größtenteils unberücksichtigt. Im Rahmen dieser Initiative kamen erschreckende Wahrheiten ans Licht. So wurde auch für viele von uns dieses Ereignis zu einer Reise, die unser persönliches Leben und unsere Überzeugungen in einigen Punkten grundlegend verändert hat. Für viele von uns war dies überhaupt der erste Kontakt mit Juden, die als Kinder den Holocaust überlebt hatten. Danach gab es eine Reihe von verschiedenen Besuchen und Begegnungen mit Holocaustüberlebenden aus Israel hier in Lüdenscheid. Es entstanden Freundschaften, Herzensbeziehungen und Kontakte nach Israel. In den Jahren 2016 und 2017 luden wir jeweils eine Gruppe von 12-13 Überlebenden für 10 Tage als Gäste nach Lüdenscheid ein. Uns trieb die Vision an, Begegnung, Beziehung und Versöhnung mit der jungen Generation in den Schulen einerseits und Versöhnung zwischen Juden und Christen in christlichen Gemeinden andererseits zu ermöglichen. Den Holocaustüberlebenden war es ein Bedürfnis, ihre Geschichte jungen Deutschen wie ein Vermächtnis weiterzugeben, damit die Schüler selbst zu Zeugen der Zeitzeugen für ihre Generation werden können. Auf beiden Seiten kam es zu heilsamen und berührenden Begegnungen. Ein Beispiel:

Ein Direktor einer Schule stand mit Tränen in den Augen vor seinen Schülern. Er war tief bewegt und erschüttert durch die Zeugnisse der Überlebenden, durch die seine eigene Familiengeschichte lebendig wurde. Er hatte jüdische Verwandte, die umkamen und ebenso Verwandte, die zu Tätern geworden waren. 

Um Versöhnung zwischen Juden und Christen zu suchen und ihr Raum zu machen, setzten wir uns mit der unheilvollen Geschichte des Christentums, nicht nur im 2. Weltkrieg, sondern auch in den letzten 2000 Jahren auseinander. Wie kann es sein, dass wir als Christen, die wir an den Gott der Bibel glauben, an Jesus, der ein Jude ist und an seine jüdischen Geschwister, nur wenig Verständnis und Bezug zum jüdischen Volk und zum Land Israel haben? Wir haben diese Verbindung über Jahrhunderte in der Kirche geleugnet, ersetzt und ihr fast keine Bedeutung beigemessen -bis heute. Durch dieses“ heilsame Erkennen“ der jüdischen Wurzeln unseres Glaubens wurde das Bibelwort aus Jesaja:

“Tröstet, tröstet mein Volk…“

Jesaja 40,1

für uns zu einem Auftrag und Leitmotiv in all unseren Aktionen und Begegnungen mit Menschen aus dem jüdischen Volk.  Über die Jahre entstanden Beziehungen nach Israel zu Überlebenden und zu orthodoxen Juden, aber auch Kontakte zu jüdischen Menschen hier in Deutschland. Regelmäßig lernen und studieren wir gemeinsam mit jüdischen Geschwistern, die Jesus als ihren jüdischen Messias erkannt haben, die Bibel im Kontext der jüdischen Wurzeln und lernen die Zusammenhänge unseres gemeinsamen Glaubens an den Gott Israels. Gerade die messianischen Juden – sie bleiben trotz ihres Glaubens an Jesus, ihren Messias, jüdisch und müssen nicht, wie oft falsch verstanden, zum Christentum konvertieren – sind ein gesegnetes Verbindungsglied zu unseren jüdischen Wurzeln. Das Land Israel mit all seinen Kontroversen und Spannungsfeldern ist letztlich das Land, das Gott Abraham und seinen Nachfolgern versprochen hat.

2018 führten wir im Rahmen von „70 Jahre Israel und 750 Jahre Lüdenscheid“ eine Veranstaltung durch, die die jüdische Geschichte in unserer Stadt und auch in den Kirchengemeinden Lüdenscheids aufzeigte. Sie war gleichzeitig eine Geschichte des Erfolgs und großen Leides. Für uns als Christen macht sie unmissverständlich klar: Es gibt nur ein Volk Gottes – jüdische Gläubige und Christen – sind eine Familie.  Diese Einheit zu leben, zu suchen und gegen jeden Widerstand zu bezeugen, ist uns Aufgabe und Perspektive für die Zukunft geworden.

Rosi Dicke, Freunde Israels, Haus des Lebens

*https://www.marschdeslebens.org

#beziehung­sweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst

Unter dieser Überschrift haben die EKD und die Deutsche Bischofskonferenz im Rahmen der Aktion „2021 – 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ eine Plakatreihe gestaltet, die die enge Verbundenheit zwischen Judentum und Christentum zeigt und so zum Nachdenken anregt. Diese Einladung zum Nachdenken begrüßen wir sehr und geben sie gerne weiter. 

In loser Reihenfolge werden wir weiteres dazu veröffentlichen.

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